"PC & Musik" 5/2003, Juli 2003:

Ausbildung zum Audio-Designer. Learning by Doing

Die Ausbildung zum Audio-Designer ist bislang einmalig in der Republik und mit einer Vermittlungsquote von 70 Prozent sehr erfolgreich. Wir haben uns den Kurs etwas näher angesehen.

Der Begriff 'Arbeitslosigkeit' weckt bei den meisten Menschen nur negative Assoziationen, weil man erst mal vor einem Berg von Problemen steht und sich neu orientieren muss. Hinzu kommen das finanzielle Risiko und eventuell die gesellschaftliche Stigmatisierung. Die andere Seite der Medaille ist, dass man aus der Not eine Tugend machen kann und eventuell einen Neuanfang findet, zum Beispiel mit einer Ausbildung zum Audio-Designer. Als Voraussetzung für die Fortbildung sollte man ein Instrument spielen können (keine Meisterklasse, aber einigermaßen), möglichst unter 40 Jahren alt sein und eine Menge Enthusiasmus mitbringen. Wer zudem arbeitslos gemeldet ist und grundsätzlich Anspruch auf eine berufliche Umschulung hat, wird vom Arbeitsamt mit Unterhaltsgeld gefördert und bekommt den 9-monatigen Kurs nach dem bisherigen Stand der Erkenntnisse bezahlt.

Was wird gelernt?

Jeder Teilnehmer bekommt einen musikalischen Arbeitsplatz mit Rechner, Keyboard, Headset, Internet-Zugang und aktuelle Musiksoftware wie Cubase, Finale etc. Um den Rechner mit musikalischen Informationen versorgen zu können, wird erst mal sieben Wochen lang nur Klavier geübt. Dazu stehen diverse Digital-Pianos bereit, die offenbar auch sehr intensiv genutzt werden, denn der Lernerfolg ist erstaunlich. Die Auszubildenden arbeiten insgesamt fünf Keyboardschulen durch, drei für die Fingerfertigkeiten und zwei im Rahmen der musiktheoretischen Ausbildung. Am Ende dieses Crash-Kurses stehen Stücke wie One Note Samba oder Air von Bach auf dem Programm, also durchaus anspruchsvolle Titel. Mit diesen praktischen Erkenntnissen sollen später neue Jingles, Telefonschleifen, Erkennungsmelodien oder Werbesongs komponiert werden. Darüber hinaus müssen sich die Teilnehmer mit Cubase, Logic, Finale und WaveLab befassen, um die neuen Ideen adäquat umsetzen zu können. Das Gelernte wird am Ende des Kurses in einer ziemlich anspruchsvollen Prüfung getestet und entsprechend benotet. Ich konnte selbst bei einem Kolloquium dabei sein, als Anastasia in der Rolle einer Agenturchefin für ein Autohaus den Web-Auftritt inklusive der Musik vorstellte. In einer solchen Situation sind sehr unterschiedliche Talente gefragt, wobei die selbst entwickelte Musik generell eine sehr große Rolle spielt.

Die Vermittlungsquote

Die gute Vermittlungsquote von 70 Prozent steht in einem direkten Zusammenhang mit dem Ausbildungskonzept 'Audio-Design'. Hier werden offenbar genau die Fähigkeiten vermittelt, die man im musikalischen Business braucht. Eine solide Instrumentalausbildung, der Umgang mit der aktuellen Musiksoftware, Verhandlungsgeschick etc. Viele Absolventen machen sich selbstständig und produzieren für unterschiedliche Auftraggeber Jingles, Web-Musik und vieles mehr. Das nötige Selbstbewusstsein der Teilnehmer resultiert nicht zuletzt auch aus der Grundausbildung in Sachen Musik. Wer mit Harmonielehre, Skalen und Rhythmen gut umgehen kann, wird schneller den passenden Ton finden und damit auch den Geschmack des Auftraggebers treffen. Unter den Teilnehmern ist sogar ein Gewinner des Deutschen Rockpreises, der mit seiner Band für Furore sorgt, aber nicht davon leben kann. Wovon er aber mit Sicherheit existieren kann, ist die Arbeit als Audio-Designer, und vielleicht landet er ja mit dieser Einstellung den absoluten Hit. Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass im musikalischen 'Mittelfeld' Platz für viele Kreative ist, die mit Musik ihr Brötchen verdienen. An der Spitze wird es zwangsläufig sehr eng.

Neun Monate Musik

Wenn dieser Beitrag als Werbung für die Maßnahme 'Audio-Design' verstanden wird, dann ist die so genannte Message richtig herüber gekommen. Wer sich für Musik begeistert, ein Instrument einigermaßen spielen kann und bereit ist, sich neun Monate lang fast ausschließlich mit Musik zu beschäftigen, sollte sich ernsthaft überlegen, ob eine solche Fortbildung nicht das Richtige ist. Inwieweit die Förderungen von Seiten der Bundesanstalt für Arbeit 'modifiziert' werden, kann man von hier aus nicht beurteilen. Es soll aber – dem Vernehmen nach – uneingeschränkt weitergehen.


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